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Wer sind wir heute? - Teil III: Die religiöse Lage in Europa

Endlich möchte ich meine Serie fortsetzen. Das letzte Mal ging es um einen Aufsatz des Religionssoziologen Peter L. Berger. Dieser versuchte die religiöse Lage der Welt zu skizzieren und anhand dieser zu zeigen, warum die meisten Religionssoziologen die Säkularisierungsthese aufgegeben haben. Nur zwei Ausnahmen lies er gelten: Europa und die weltweiten Bildungseliten.

Heute möchte ich daran anschließend ein paar Gedanken aus einem Aufsatz des Religionssoziologen José Casanova wiedergeben. In diesem versucht dieser einen Überblick über ‚Die religiöse Lage in Europa’ zu geben und zu schauen, ob sich die Säkularisierungsthese wenigstens für die Ausnahme Europa bei genauerem Blick bestätigt.

Ein erste These Casanovas ist, dass diese Lage äußerst komplex ist und man kaum eine einheitliche Lage darstellten kann.

Die mit Abstand atheististische Region Europas ist das frühere ‚Ostdeutschland’, gefolgt von der Tschechischen Republik und den skandinavischen Ländern. Springt man einmal über die Oder, ist man im anderen Extrem angelangt: In Polen bezeichnen sich, wie in Irland und Portugal, ca. 90% der Bewohner als ‚Gläubige’, in ‚Westdeutschland’ gilt dies immerhin für ca. 65%. Überhaupt repräsentieren ‚Westdeutschland’ und Großbritannien am ehesten den europäischen Durschnitt. 

Tendenziell gilt: Katholische Länder sind stärker religiös als protestantische oder gemischte (Ausnahmen Frankreich und Tschechische Republik); die ehemals kommunistischen Länder hingegen weniger (Ausnahmen Polen und Slowakei), auch wenn viele dieser Länder seit 1989 ein „bemerkenswertes Wachstum“ erlebt haben.

Mit Ausnahme von Ostdeutschland und der Tschechischen Republik bekennen sich in allen europ. Ländern eine Mehrheit der Bevölkerung zum ‚Glauben an Gott’. Ostdeutschland ist das einzige Land, in dem sich eine Mehrheit (51%) als atheistisch bezeichnet. Auch hier liegt Tschechien an Platz zwei, doch hier bezeichnen sich schon nur 20% als Atheisten. 

Der Glaube an einen persönlichen Gott im Sinne der jüdisch-christlichen Tradition liegt im Durchschnitt in jedem Land um zwanzig Prozentpunkte niedriger. Für den Autor überraschend liegt die Zahl derjenigen, die mehrmals im Monat beten und derjenigen, die an (rel.) Wunder glauben, in vielen Ländern höher als die Zahl derer, die an einen sich sorgenden Gott glauben.

Noch kleiner ist die Zahl derer, die angeben schon einmal persönlich eine religiöse Erfahrung gemacht zu haben. Interessanterweise ist bei letztem Punkt die Streuung am geringsten, in fast allen, auch den sonst sehr religiösen, Ländern liegt hier der Wert zwischen 10% und 20%. Nur Italien sticht absolut heraus, dort behaupten 31% der Bevölkerung schon einmal eine religiöse Erfahrung gemacht zu haben. [Die meisten, wie ich schätze, beim Fußball].

Die genauen Daten für ‚West’-‚ und ‚Ostdeutschland’ sind:

- Glaube an Gott (65%; 25%)

- Theist (45%; 17%)

- weder Atheist noch Agnostiker (78%; 36%)

- Gott kümmert sich (37%; 14%)

- Gebet mehrmals im Monat (41%; 14%)

- Religiöse Wunder (39%; 39%)

- Religiöse Erfahrungen (16%; 10%)

- Atheist (11%; 51%) 

Insgesamt lässt sich die individuelle Religiosität so zusammenfassen, dass die Mehrheit der europäischen Bevölkerung sich einen allgemeinen Glauben an Gott erhalten hat, jedoch die Zahl derjenigen, die sich zu einem Glauben an einen persönlichen Gott bekennen, regelmäßig beten und eine religiöse Erfahrung gemacht haben, in dem meisten Ländern eine kleine Minderheit darstellen. Gleichzeitig glaubt eine Mehrheit an ein Leben nach dem Tod, Tendenz steigend, und es ist Allgemein eine starke Hoffnung auf Transzendenz festzustellen.

Dies alles betraf nur die individuelle Religiosität, wie aber sieht es mit der ‚Teilhabe an gemeinsam gelebter Religion’ aus?

Nur in drei europäischen Ländern (Irland, Polen, Schweiz) geht die Mehrheit der Bevölkerung regelmäßig zur Kirche, in den meisten anderen sind es weniger als 20% (‚Westdeutschland’: 15-17%; ‚Ostdeutschland’ 4%). Kein Indikator ist seit den 1950er Jahren in den meisten europ. Ländern so stark gefallen wie dieser. Hier zeigt sich auch der deutlichste Unterschied zu den USA, wo sich „quer durch die Bekenntnisse […] die Religionsgemeinschaften als anhaltend vital erweisen“. Besonders krasse Beispiele stellen die Niederlande und Großbritannien dar, in denen fast eine ganze Generation die religiöse Bindung ihrer Kindheit verloren hat. In ‚Ostdeutschland’ und Tschechien gibt es bereits eine breite zweite Generation kirchlich Ungebundener, so dass 48% bzw. 33% areligiös aufwachsen. Casanova konstatiert: „In Frankreich, Ostdeutschland und Tschechien als den säkularisiertesten Ländern Europas ist die Religion im Sinne einer Kette kollektiven Gedächtnisses eindeutig am Verschwinden.“

In allen diesen Fällen können diese Prozesse aber nicht mit der klassischen Säkularisierungsthese, also als Modernisierungsprozesse, erklärt werden, sondern nur aus der jeweils spezifischen historischen Dynamik von Staat, Kirche und Nation. Pointiert: „Nur wenige würden wohl die stärkere Säkularisierung Ostdeutschlands (im Vergleich zu Westdeutschland) darauf zurückführen, daß Ostdeutschland moderner sei“. 

So kommt auch Casanov zu dem Schluss, „daß die eurozentrische Ansicht, der zufolge westeuropäische Entwicklungen einschließlich der Säkularisierung allgemeine universelle Prozesse seien, nicht mehr haltbar ist“. Vielmehr gelte: „Auf dem Gebiet der Religion gibt es keine global gültige Regel. […] Es gibt daher keinen Ersatz für ernsthafte vergleichende historische Analyse.“

So kommt Casanova gegen Ende zu einer ganz eigenen Pointe, nachdem er die Bedeutung der aufklärerischen Religionskritik für die Identität Europas betrachtet, konstatiert er:
„In dieser Hinsicht sind Säkularisierungstheorien in Europa in dem Maße sich selbst erfüllende Prophezeihungen, als eine Mehrheit der Bevölkerung sie als Beschreibung von Gegenwart und Zukunft akzeptiert. Die Annahme, daß eine Gesellschaft desto areligiöser werde, je moderner sie sei, wurde in Europa zu einer Selbstverständlichkeit – in der Religionssoziologie, aber auch bei der Bevölkerung. Dieses Postulat hat reale Konsequenzen auf dem Gebiet der Religiosität.“

In diesem Sinne kann man die Säkularisierungstheorie wohl als eine große Erzählung betrachten und vielleicht als eine der letzten großen ‚modernen’ Erzählungen, die gerade zusammenbricht. Zumindest bei den Religionssoziologen, mal sehen was passiert, wenn das in die breite Bevölkerung sickert. Man darf gespannt sein…

P.S.: Zu ähnlichen Ergebnisse kam übrigens der Religionsmonitor 2008 der Bertelsmann Stiftung.

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Comments

danke für diesen eintrag – auf welchen artikel von casanova beziehst du dich hier?

würdest du diese untersuchung mit den gedanken vattimos oder auch derridas in verbindung bringen, die zwar von einer religiosität reden, diese aber bewusst von kirchlicher engführung unterschieden wissen wollen?

wenn diese verbindung gezogen werden kann ist die annahme des endes der säkularisierungstheorie(n) für kirchen und christen im allgemeinen auch nur dann „erfreulich“, wenn ein christsein jenseits kirchlicher institutionen und verbänden denkbar ist.

mich interessieren diese zusammenhänge auch deswegen weil mancherorts das ende der säkularisierungstheorie (das sich in religiosität oder einer offenheit gegenüber transzendenz zeigt) mit einer großen chance für das christentum verbunden wird – diese verbindung jedoch nur bedingt zu ziehen ist. vielleicht wolltest du da später noch mal drauf eingehen (oder hast es bereits getan), dann will ich hier nichts doppeln – wenn nicht würden mich deine gedanken dazu sehr interessieren.

soweit mal // viele grüße
daniel

@Depone: Zuersteinmal die fehlenden Literaturangaben (hatte ich ganz vergessen):

Casanova, José (2007): Die religiöse Lage in Europa. In: Joas, Hans/ Wiegandt, Klaus (Hg.): Säkularisierung und die Weltreligionen. - Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuchverlag, 322-357.

Und noch zu Berger:
Berger, Peter L. (2005): The desecularization of the world: resurgent religion and world politics. Washington, DC [u.a.]: Ethics and Public Policy Center [u.a.].

Nun zu Deiner Frage:
Zu Vattimo sage ich später noch etwas, vielleicht auch noch kurz zu Derrida.

Die Frage, ob das Ende der Säkularisierungserzählung eigentlich eine gute Nachricht für die Nachfolger Christi ist, hat ja auch schon Walter gestellt. Eigentlich geht es mir erst einmal darum ganz neutral zu fragen, was unsere Zeit und die Menschen, die in ihr Leben denn überhaupt charakterisiert.

Wie das dann aus welchem Blickwinckel zu bewerten ist, ist ja dann eine zweite Frage. Und ich denke , dass ist auch nicht so leicht zu bewerten, in dem Sinne, dass hier etwas Positivies oder Negatives stattfindet.

Wichtig ist mir erstmal, dass sich eine neue Situation, eine neue Konstellation ergibt, in der wir selbsternannte Nachfolger uns ganz neue Fragen stellen müssen, sich andererseits vielleicht aber auch ganz neue Anknüpfungspunkte ergeben.

Da ist die Seite der Chancen, die z.B. beinhaltet, dass eine enge wissenschaftliche, auf radikale Diesseitigkeit gerichtete Sicht der Wirklichkeit im Westen aufbricht. Dies führt natürlich keinesfalls automatisch dazu, dass die Menschen Jesus nachfolgen.

Und da kommt die Seite der Herausforderungen: Wenn bspw. ein Großteil der Leute an etwas wie Gott glauben, nicht wenige sogar (siehe Gebet) irgendwie versuchen Kontakt mit ihm aufzunehmen, aber nur ganz weniger meinen, schon einmal eine rel. Erfahrung gemacht zu haben, dann ist das in meinen Augen ein Armutszeugnis für uns selbsternannte Nachfolger. Nicht, dass wir diese Erfahrungen produzieren könnten; doch aber wären wir in der Lage Räume zu schaffen und Handreichungen zu geben und Deutungsmuster für gewisse Erfahrungen (die von den Erfahrungen nicht getrennt sind) zu geben. Und das haben wir kaum getan und tun wir, soweit ich sehe, auch kaum.
Wie siehst Du das denn? (Und auch die anderen?)

vielen dank für deine antwort tobi.

sehe die zusammenhänge und chancen ähnlich wie du. in diesem zusammenhang könnten wir uns dann, um einen ausdruck von steve taylor zu verwenden, immer wieder fragen in wiefern wir ›spirituelle reiseführer‹ sind und sein können.

mit diesen chancen bzw. der situation in der wir uns befinden hängt dann wahrscheinlich auch ein neues wahrnehmen der »nachfolger« zusammen - spirituelle reiseführer zu sein unterscheidet sich gewaltig von manchen gemeinde- und missionsverständnissen.

Ja, 'Spirituelle Reiseführer' ist ein lustiger Ausdruck und heißt dann wohl eben nicht statt des Schirms eine Bibel hochzuhalten, um seine Reiseschäfchen durch Gottes Neue Welt zu leiten.
Merke gerade, dass mir dieser Ausdruck tatsächlich noch zu dirigistisch ist. Für mich geht es tatsächlich mehr um Begegnen zwischen Menschen und Räume zu schaffen, für Begegnungen zwischen Menschen und Gott.

interessant dass du den begriff ›zu dirigistisch‹ findest. wenn wir im bereich des tourismus bleiben, würdest du dann eher von einem „mitreisenden“ reden?

Meine Idee ist etwas ausschweifend geworden, da ich mich mit dem Reisenden gerade gut identifizieren kann:

Der Reiseführer führt die ganze Reise, der Mitreisende ist auch auf der ganzen Reise mit dabei, doch er führt eigentlich nicht. Man könnte sich aber auch jemanden vorstellen, der zwar nicht die Reise führt oder irgendwie im Griff hat, sondern dem man auf der Reise irgendwo begegnet und der schon viel gereist ist und den Character des Landes kennengelernt hat. Deshalb kann er berichten, wo und wie sich gut reisen lässt und wie man das Land wirklich besser kennenlernen kann (vielleicht gar nicht an den Plätzen, wo der Reiseführer immer alle Touristen hinführt). Trotzdem trennen sich die Wege des Reisenden und des erfahrenen Reisenden nach einiger Zeit wieder.

Vielen Dank Julian - das finde ich ein gutes Bild! Somit auch meine Antwort an Depone: Ja, eher als Mitreisender, im Sinne Julians.

sehr cool julian. einfach besser das aus der sicht eines reisenden zu hören anstatt ein nur so aus den hirnwindungen konstruiertes bild zu verwenden. an eine solche person habe ich eigentlich immer gedacht wenn ich von ›spirituellen reiseführern‹ gesprochen habe – ihr habt mir hier die differenz zwischen dem wort und der bedeutung vor augen geführt. danke.

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