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Wer sind wir heute? - Teil IV: Das bleibende Wahrheitsmoment am Säkularisierungstheorem

Nachdem wir mit Berger einen kurzen Blick auf die religiöse Lage der Welt und mit Casanova einen kurzen Blick auf die religiöse Lage in Europa geschaut haben, und dabei als Ergebnis die Säkularisierungsthese in ihrer klassischen Form abweisen mussten, bleibt die Frage: Wer sind wir heute? Wie sonst kann man die Lage der Religion in der westlichen, (post-)modernen Welt deuten und der bedeutende Wandel ihrer Rolle in den letzten Jahrhunderten? 

Um diesen Fragen ein wenig nachzugehen, möchte ich mich an einige Thesen und Reflexionen des Theologen und Religionspädagogen Bernhard Dressler (aus diesem Buch) anlehnen und diese kurz darstellen.

Dressler zieht vor, statt von einem Bedeutungsverlust von einem Bedeutungswandel der Religion zu sprechen. Nach dem Ende der Säkularisierungstheorie sei in der Religionssoziologie Pluralität als das neues Paradigma aufgetaucht. Mit anderen Worten: Entscheidendes Kennzeichen der heutigen Situation sei das vielfältige Nebeneinander vieler Weltanschauungen und Religionen sowie der damit verbundene Zwang des Einzelnen sich für eine Weltanschauung frei entscheiden zu müssen. Dressler lehnt diese, von Peter L. Berger vertretene Sichtweise ab, weil er weder die Situation der Pluralität als das Signum der Moderne ansieht noch die These der freien Wahlentscheidung des Individuums so akzeptieren kann. Auch in Zeiten der Individualisierung würden Menschen über Gemeinschaften und Traditionen, die häufig sehr eng an ihre Herkunft gekoppelt sind, in spezifische Religionen hineinwachsen. Und statt der Pluralität sieht er die funktionale Ausdifferenzierung als Hauptkennzeichen der Moderne und als bleibendes Wahrheitsmoment am Säkularisierungstheorem. 

Für die Nicht-Soziologen ein kleiner Exkurs: Funktionale Differenzierung ist ein Begriff aus der Systemtheorie. Es wird davon ausgegangen, dass sich Gesellschaften ähnlich der Evolution in der Biologie entwickeln und zunehmend komplexer werden.

„Es werden drei aufeinanderfolgende Typen von Gesellschaft angenommen:

  1. Segmentäre Differenzierung: Einfache, kleine, räumlich voneinander getrennte, gleiche Gesellschaften mit face-to-face-Kommunikation (Stämme, Dörfer etc.); alle Mitglieder haben im Wesentlichen die gleichen sozialen Rollen inne.
  2. Stratifikatorische Differenzierung (antike Hochkulturen, Mittelalter): Gesellschaft differenziert sich nach hierarchischen sozialen Schichten als Teilsystemen (Adel, Bürger, Bauern, Besitzlose o.ä.); ein Individuum gehört jeweils nur einem Teilsystem an. Im Laufe der Frühen Neuzeit findet in Europa ein historisch einzigartiger Wandel zu funktionaler Differenzierung statt.
  3. Funktionale Differenzierung: An die Stelle von hierarchischen Schichten als sozialen      Teilsystemen treten in einem langen Transformationsprozess autonome Funktionssysteme (Politik, Wirtschaft, Recht, Religion, Wissenschaft etc.), die sich verselbständigen und autonome Regeln und einen je eigenen „Code“ entwickeln, so dass sie nicht mehr auf andere Funktionssysteme zurückgreifen, sondern nur auf sich selbst („Selbstreferentialität“). Das      Individuum gehört in verschiedenen sozialen Rollen verschiedenen Funktionssystemen an („Inklusion“ aller in alle Funktionssysteme). Das stellt neue Anforderungen an die Individuen, die sich zwischen den Teilsystemen hin- und herbewegen müssen (Zeitökonomie, Selbstkontrolle      etc.).“ (Quelle)

Wichtigstes Ergebniss dieser funktionalen Differenzierung ist für Dressler die Pluralisierung und Nichthierachizität der Rationalitätsformen. Vereinfacht gesagt: Jedes Teilsystem hat seine eigene spezifische Logik und Weltsicht, keines kann sich jedoch als den anderen grundsätzlich überlegen betrachten. Dies aber bedeutet für die Religion, dass sie ihren Monopolanspruch auf die Weltinterpretation und auf die Normierung der Lebensgestaltung unwiderbringlich verliert.

Dies aber führt bei Menschen in funktional differenzierten Gesellschaften zu einer Bewegung der Reflexivität: Statt großen Erzählungen zu glauben, die das Weltganze verständlich machen wollen, bekommen die Menschen zunehmend ein Gespür für die Nichtverrechenbarkeit unterschiedlicher Rationalitätstypen. Statt von einer ihnen zugänglichen Zentralperspektive auszugehen, entwickelt sich ein topisches Denken in Perspektiven und Horizonten. Dieses Differenzbewußtsein sickert zunehmend in die Alltagskommunikationen und lässt einen neuen Denkstil entstehen, indem alle weltanschaulichen Konzepte immer schon reflexiv gebrochen, d.h. nur noch als Deutungen denkbar sind. Natürlich entstehen als Gegenbewegungen neue Einheitstrends, wie der fundamentalistische Szientismus eines Dawkins.

Gleichzeitig vollzieht sich ein Traditionsabbruch und eine Grundlagenkrise der modernen Kultur (vor allem durch ökologisches Krisenbewußtsein), in der säkulare Gewissheiten wegbrechen (die Überlegenheit der westlichen Gesellschaft, der Fortschrittsgedanke, die Wissenschaft als Garant der wirklichen Wirklichkeit, die Hoffnung auf weltliche Utopien).

Dadurch kommt es auch zu neuen Paradoxien. So ging mit der wissenschaftlichen ‚Entzauberung der Welt’ ein Machbarkeitsglaube einher, der mittlerweile selbst entzaubert wurde. Gleichzeitig ist die Dynamik, mit der sich die Welt zum Material technischer Machbarkeit wandelt (siehe aktuelle Gendebatte), ungebremst. Dies führt zur paradoxen Erfahrung, dass Welt und Leben zunehmen als gemacht erfahren werden (nichts ist mehr Schicksal), gleichzeitig aber ein geglücktes Leben und eine menschenfreundliche Welt dennoch nicht machbar scheinen. 

In der Wiederkehr des Religiösen sieht Dressler auf diesem Hintergrund nicht nur eine kurzfristige Zeitmode, sondern vielmehr Symptom eines epochalen Wandels und einer tiefgreifenden kulturellen Krise. Wichtigstes vorläufiges Ergebnis sieht er darin, dass die  Modernisierungsprozesse selbst reflexiv werden (Aufklärung der Aufklärung). In diesem Prozess kommt es zugleich zu einer Bewusstwerdung eines Mangels an Kultur zum Verhalten zum Unverfügbaren. Überall ist die Rehabilitierung von Erkenntnisweisen und Wirklichkeitsbereichen beobachtbar, die nicht durch funktionale oder zweckrationale Denkmuster zu erfassen sind. Allerdings bleiben diese bislang weitestgehend auf den Bereich privater Lebensdeutungen beschränkt und sind somit vielleicht ein reines Kompensationsphänomen.

Soweit einige sehr komprimierte Gedanken von Dressler. Ich finde sie enthalten einige wichtige Einsichten. Was das für die unterschiedliche Erfahrung von Generationen sowie was das für den christlichen Glauben bedeutet, dazu bald mehr. Zuerst einmal würden mich aber Eure Gedanken, Kommentare und Fragen (weitergehende wie Verständnisfragen) interessieren.

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Comments

Ein Kommentar zu Luhmann, nicht zu Dressler:
Ich hatte damals auch Ausschnitte aus Luhmann gelesen und hatte mich damals schon gefragt: kann das das Individuum? Kann das Individuum wirklich so völlig fragmentiert oder funktional differenziert leben? Ist vielleicht die steigende Anzahl von psychischen Beschwerden ein Indiz dafür, dass so eine funktional differenzierte Gesellschaft den Menschen überlastet? Ist vielleicht der Schrei nach Authentizität, das Verlangen nach Unittelbarkeit, nach Natur und Gemeinschaft ein Zeichen dafür, dass eine Systemperspektive (und eine Gesellschaft die auf ihr aufbaut) dem Menschen nicht gerecht wird? Kann es sein, dass das einfach in den 70ern bei den Geistes- und Sozialwissenschaftlern 'in' war, so eine strukturelle Perspektive einzunehmen hinter der das Individuum völlig verschwindet?

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