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Wer sind wir heute? - Teil II: Abschied von der Säkularisierungsthese

Eine der ‚großen Erzählungen’ der Moderne, die auch heute noch sehr wirkmächtig ist und erst langsam aber unaufhaltsam an Plausibilität verliert, ist die sogenannte ‚Säkularisierungsthese’. Diese besagt, dass mit fortschreitender Modernisierung die Religion immer stärker an Einfluss verlieren wird, bis sie einst, wenn alle Menschen restlos aufgeklärt sind, ganz verschwinden wird.

Die Säkularisierungsthese hat ihre Herkunft in der Ablösung der mittelalterlichen christlichen Weltordnung und der katholischen Kirche als der zentralen Autorität durch die säkularen Staaten und die moderne Wissenschaft als die zentrale Autorität. Explizit gebildet und formuliert hat sie sich dann in der Aufklärung und der mit ihr verbundenen Religionskritik, die sich entlang dreier Dimensionen abspielt:

- die kognitive Kritik: Eine religiöse Weltsicht gilt als der wissenschaftlichen Weltsicht untergeordnete und unterlegene, letztlich primitive Anschauung. Religion ist höchstens noch etwas für schlichte Gemüter, einem durch Wissenschaft aufgeklärten und mit Vernunft und Rationalität ausgestatteten Geist geziemt sie sich nicht.

- die politische Kritik: Religion geht notwendig mit Herrschaft und Unterdrückung einher. Stets haben sich Herrscher und Priester miteinander verbündet, um mittels ‚Opium fürs Volk’ dieses unwissend und unterdrückt zu halten.

- die humanistische Kritik: Die Idee von Gott entfremdet den Menschen von sich selbst und ist eine selbstverleugnende Projektion menschlicher Wünsche und Absichten auf eine jenseitige Welt. Daher ist der ‚Tod Gottes’ die Voraussetzung der menschlichen Emanzipation.

Auf dem Hintergrund dieser Kritik entwickelte sich die Säkularisierungsthese und wurde in den westlichen, modernen Gesellschaften zu einer unhinterfragbaren Selbstverständlichkeit, die die Sicht der Realität und der Geschichte wesentlich bestimmt (hat).

Doch wie sieht ganz nüchtern betrachtet die heutige Lage der Religion aus? Hat sich die Säkularisierungsthese bislang bestätigt?

Dieser Frage ist Peter L. Berger nachgegangen, ein bekannter Religionssoziologe, der diese These selbst lange offensiv vertreten hat. Allerdings hat er, wie die Mehrheit der heutigen Religionssoziologen, diese These mittlerweile aufgegeben. Denn wirft man einen nüchternen Blick auf die religiöse Lage nicht nur der westlichen Gesellschaften, sondern der ganzen Welt, dann lässt sich konstatieren: Die Religion ist ‚alive and well’. In den meisten Ländern zu den meisten Zeiten ist dies nie anders gewesen, doch insbesondere aktuell sind die Religionen so vital wie selten zuvor.

Berger spricht von nur zwei Ausnahmen: Europa und die weltweit verteilten Eliten, die eine westlich-orientierte Bildung genossen haben. Allerdings sind es diese Eliten, die vor allem in Wirtschaft, Wissenschaft und den Medien beheimatet sind und die daher ganz wesentlich das definieren, was als Realität und Wirklichkeit gilt.

Pointiert fasst Berger seine Analyse zusammen, indem er von einem Forschungsprojekt erzählt, das eine amerikanische Stiftung großzügig finanziert hat und bei dem das Phänomen Fundamentalismus erforscht und erklärt werden soll. Nach der Betrachtung der weltweiten Lage der Religion müsste man die Blickrichtung des Projektes nun aber eigentlich vom Kopf auf die Füße stellen: Sind es doch die westlichen Forscher, die die weltweite und zu erklärende Ausnahme bilden (indem diese sich aus der Schnittmenge der beiden Ausnahmen, Europa und Bildungselite, rekrutieren) und nicht irgendwelche fundamentalistischen Mullahs.

Letztlich zeigt sich in der Säkularisierungsthese die Vorherrschaft einer eurozentrischen Sichtweise, die die westliche, moderne Weltsicht zur einzig geltenden macht und Alternativen kaum wahrnimmt. Nur eine solche Sichtweise konnte aus der eigenen geschichtlichen Entwicklung ein universelles Gesetz machen und als die eigene Geschichte als (einzig) natürlichen Fortschritt deuten. Länder in denen die Religion noch eine herrschende Rolle spielte galten schlicht als ‚Entwicklungsländer’, die eine entsprechende Entwicklung hin zu einer säkularisierten Gesellschaft noch durchmachen müssen.

All diese Selbstverständlichkeiten brechen in einer Zeit der Aufklärung zweiter Ordnung (Aufklärung der Aufklärung) in sich zusammen. Was bedeutet dies aber für unsere heutige Situation? Welche Chancen und Herausforderungen bilden sich für religiöse Weltanschauungen in einer postsäkularen Gesellschaft? Und: Wie genau sieht die religiöse Lage in der Ausnahme Europa aus? Kann man wenigsten hier von Säkularisierung sprechen?

Dazu bald mehr.

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Comments

Naja vor allem interessant ist in dem Zusammenhang das Wort "Rückkehr" der Religion. Rückkehr? So wie in Terminator?
War sie denn weg?
Da ist es doch interessant, dass alles, was der modernen wissenschaft unangepasst, sich behauptend entgegentritt als illegitim definiert werden muss. Daher das Label Fundamentalismus. Daher die jährlich zur Weihnachtszeit erscheinenden anti-Religion Artikel. Letzlich ist das doch nur die Selbstvergewißerung der aufklärerischen Wissenschaft.
Deshalb scheue ich mich davor, mich so radikal von meinen evangelikalen Wurzeln abzugrenzen.

Amen dazu!
Religion war nie abwesend, man hat sie nur verintellektualisiert. Ich behaupte immer, jeder Mensch sei religiös. Jeder Mensch fragt nach seinem Ursprung und nach seinem Ziel. Auch dezidiert atheistische Denker finden darauf antworten. Dabei wird versucht, Gott zu ersetzen durch den Verstand, durch die Wissenschaft und Selbstbestimmung.

Die Aufgabe unserer Zeit ist wie zu allen Zeiten dieselbe: Das Evangelium in den jeweiligen Kontext passgenau zu kommunizieren. Dabei geht es letztlich immer wieder um das erste Gebot.

Ich habe ein bisschen gebraucht, bis ich das lesen und verdauen konnte. Meine Überlegung ist: inwieweit sind eigentlich wir als Nachfolger Jesu davon betroffen? Ist der Weg Jesu eigentlich eine Religion? Klar, seit vielen Jahrhunderten gehört das scheinbar selbstverständlich zusammen. Aber muss das so bleiben? Ist es überhaupt gut?
Andere Frage: warum ist diese Distanz zur Religion eigentlich ausschließlich im christlichen Abendland entstanden?
Entweder war der Feind hier besonders aktiv - oder aber es gibt im christlich-jüdischen Erbe etwas, das immer wieder Religionskritik hervorbringt (wie schon bei den Propheten).
Also: sollen wir uns eigentlich darüber freuen, wenn es eine "Wiederkehr der Religion" geben sollte? Oder eher nicht?

Aber es ist doch genau die westliche Kultur, die sich zu gewissen Teilen im Zuge der Globalisierung ausbreitet und mit ihr die Idee der Säkularisierung. Und gerade am Beispiel des Irakkrieges behauptet die europäische Variante dieser Kultur ihre größere Eignung für den ganzen Globus. Vielleicht ist es ja auch einfach nur ein Anfang der Säkularisierung, dass die Bildungseliten sie schon für plausibel halten...
Auch wenn das nach einem Statement klingt, ist es eher eine Frage.

sehr interessant und passend zu berger: Grace Davie "SOCIOLOGY OF RELIGION". Sie bestätigt genau das, was du auch bei Berger gelesen hast. Die Säkularisierungsthese ist in der From nicht mehr haltbar. Speziell auf Europa bezogen ist ihr "Religion in Modern Europe: A Memory Mutates". Europa ist im Gesamten die große weltweite Ausnahme, was die Entwicklung von Religion anggeht. Aber selbst hier blickt sie einiges tiefer und wirft einen sehr differenzierten Blick auf Europa (vorallem UK und die protestantischen Länder). Ich finde Davis' Schriften super! Nicht ohne Grund eine der führenden Religionssoziolog/inn/en.

Vielen Dank für alle bisherigen Kommentare. Danke Markus für den Tipp, klingt sehr spannend!

@Julian: Äh, was war jetzt die Frage?

@Walter: Sehr spannende Fragen! Ich werde auf die eine oder andere, wie ich hoffe, im Laufe der Serie noch genauer eingehen. Erstmal nur soviel: Ich würde das aktive Nachfolgen Jesu nicht als Religion bezeichnen, sondern hier eine klare Differenz ziehen. Andererseits bin ich lange in einer Gemeinde gewesen, die sich 'Religion sucks, Jesus rocks' auf die Fahnen geschrieben hat und daran fand ich schon immer etwas falsch. Fakt ist doch , dass Außenstehende das ganz anders wahrnehmen und christl. Gemeinschaften soziologisch betrachtet zahlreiche Aspekte von religiösen Gemeinschaften besitzen bzw. diese mit anderen gemein hat. Letztlich würde ich wohl sagen, dass die Nachfolge Jesu mehr als eine Religion ist, dass sie in gewissem Sinne sogar religionsübergreifend sein kann, dass sie immer aber auch eine religiöse Dimension hat - in dem Sinne, dass sie nicht nur auf reine Immanenz gerichtet ist.

Meine Frage ist demzufolge: Ist es dann nicht zu früh das Ende der Säkularisierungsthese auszurufen?

@Julian: Soweit ich das von meinem beschränkten Standpunkt her einschätzen kann, würde ich eher sagen, dass wir am Anfang eines viel stärkeren Protestes gegen die weltweite Hegemonie (Vorherrschaft) der westl. Kultur stehen und deren Einfluss eher am sinken ist. Vielleicht ist das aber auch eine zu positive Einschätzung der Lage, wenn man vor allem die Wirkkraft der ökonomischen Globalisierung betrachtet, die ja in der Tat eine bestimmte Form von Subjektivität (das Subjekt als Konsument) mitbringt. Dass diese Form von Subjektivität aber hervorragend mit Religion Hand in Hand gehen kann, zeigt ja die aktuelle Situation im 'christlichen' Amerika.
Und: In Punkto Religion hat die Globalisierung bis dato eindeutig nicht dazu geführt, dass die Religion an Bedeutung verloren hat. Berger erwähnt sogar, dass in vielen nicht westlichen Ländern, die von einer westlich ausgebildeten und daher häufig nicht religiösen Elite regiert werden, diese säkulare Einstellung als Herrschaftsinstrument wahrgenommen wird. Die Frage ist also, warum sollte das in Zukunft anders sein?
Du scheinst da ja skeptischer zu sein, erläutere doch gerne mal, warum.

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