Wer abergläubisch ist oder die eigene Meinung auch nur einfach bestätigt haben möchte, kann dies als ein Omen dafür deuten, dass die Moderne doch langlebiger als die Postmoderne ist. Nach Deleuze (gest. 1995) Lyotard (gest. 1998), Derrida (gest. 2004) und vor kurzem Baudrillard (März 2007) ist vergangenen Freitag mit Richard Rorty nun einer der letzten berühmten (Vor-?)Denker und Ikonen der Postmoderne gestorben, während der letzte Dinosaurier und glühender Verfechter der Moderne und ihrer Prinzipien, Jürgen Habermas, noch quickfidel ist.
Der Amerikaner Rorty setzt sich von seinen französischen
Brüdern im Geiste jedoch durch eine von amerikanischem Pragmatismus und
Liberalismus gefärbte Variante eines postmodernen Denkens, sowie einen, durch
die angloamerikanische analytische Philosophie, geprägten Sprach- und
Argumentationsstil, ab. Daraus ergibt sich auch die Grundfigur seines Denkens,
die darin liegt in einer Art Zangenbewegung, einerseits ganz konsequent mit den
letzten theologischen und metaphysischen Reste des modernen Denkens
aufzuräumen und dabei auch Kernkonzepte wie Wahrheit, Notwendigkeit und Vernunft
verschwinden zu lassen, gleichzeitig jedoch an den grundlegendenden Werten der
westlichen Kultur – wie Demokratie und Freiheit – festzuhalten, ohne diese
jedoch im strengen Sinn begründen zu können. Dabei zeigt sich, wie schwierig bzw.
unmöglich es ist, etwas zu be-gründ-en, wenn man es nicht auf einen Grund
stellen kann. Besonders spannend fand ich bei Rorty, wie er aufzeigt, wie sehr
das moderne Denken nur auf der Grund-lage eines solchen Grundes funktionieren
kann, wobei dieses gleichzeitig suggeriert diesen Grund längst überwunden zu
haben. Somit kann Rorty als einer der radikalsten Aufklärer zweiter Ordnung,
der die Aufklärung über sich selbst aufklärt, verstanden werden; gerade dies
hat er in einer bewundernswerten Wahrhaftigkeit und Konsequenz versucht, von
der sich viel lernen läßt, auch wenn er zu Ergebnissen kommt, mit denen ich oft
nicht übereinstimmen kann.
All das hat Rorty für mich sehr spannend gemacht, weshalb ich mich zu Ende meines Philosophiestudiums neben Nietzsche auch über Rorty habe prüfen lassen. Einmal hatte ich sogar die Möglichkeit Rorty in carne zu sehen, bei einem Vortrag in Münster, der mich allerdings nicht begeistert hat – vielleicht weil ich schlicht (auf Englisch) zu wenig verstanden habe.
Nachrufe kann man in der FR, der taz, der Welt und der NZZ online lesen oder bei Deutschlandradio hören. Gestern gab es in der SZ einen Nachruf von Habermas, der jedoch leider nur offline lesbar ist.
Das letzte Wort soll hier jedoch er selber haben:
„Die Geschichte, die uns
Historiker wie Blumenberg erzählen, kann ich vereinfacht zusammenfassen, indem
ich sage, dass wir einmal vor langer Zeit, das Bedürfnis hatten, etwas zu
verehren, das jenseits der sichtbaren Welt lag. Seit dem siebzehnten Jahrhundert
versuchten wir, anstelle der Liebe zu Gott die Liebe zur Wahrheit zu setzen,
und behandelten die Welt, die die Naturwissenschaft beschrieb, wie eine
Gottheit. Seit dem Ende des achtzehnten Jahrhunderts versuchten wir, anstelle
der Liebe zur wissenschaftlichen Wahrheit die Liebe zu uns selbst zu setzen,
eine Verehrung unserer tiefinneren geistigen oder poetischen Natur, die wir als
eine neue Quasi-Gottheit behandelten.
Der Gedankengang Blumenbergs, Nietzsches, Freuds und
Davidsons zielt darauf, dass wir versuchen sollten, an den Punkt zu kommen, wo
wir nichts mehr verehren, nichts mehr wie eine Quasi-Gottheit
behandeln, wo wir alles, unsere
Sprache, unser Bewusstsein, unsere Gemeinschaft, als Produkt von Zeit und
Zufall behandeln.“
Hier gibt´s den Habermastext doch noch zu lsen:
http://www.suhrkamp.de/_download/Sonstiges/Rorty_Habermas_Nachruf.pdf
Posted by: tobiK | Jun 13, 2007 at 23:46
Das schönste Zitat darin ist finde ich:
"Der Sinn für Heiliges hat mit meiner Hoffnung zu tun, dass meine entfernten Nachkommen in einer globalen Zivilisation leben werden, worin Liebe so ziemlich das einzige Gesetz ist."
Posted by: L'g. | Jun 14, 2007 at 23:18