Immer wieder mal habe ich Richard Sennett´s Buch „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität.“ angepriesen. Zeit ein paar Gedanken daraus zu posten:
Sennett schreibt über das, was er das ‚Problem der Öffentlichkeit’ nennt. Das öffentliche Leben ist zur Pflicht- und Formsache geworden und weit über das politische (Stichwort: Politikverdrossenheit) hinaus entkräftet.
Wir suchen in der Privatsphäre nicht (wie z.B. die Römer) nach einem anderen (auf religiöser Transzendierung der Welt beruhendes) Prinzip, sondern nach dem, was an unserer Psyche und unseren Gefühlen authentisch ist. Privatheit und Alleinsein (mit uns selbst, mit Familie oder Freunden) wird zu einem Selbstzweck. Zwar würde niemand behaupten, sein Seelenleben sei unabhängig von gesellschaftlichen Bedingungen und Einflüssen, gleichzeitig gilt dieses als so kostbar und zerbrechlich, dass es nur gedeihen kann, wenn es geschützt und isoliert wird. Das eigene Selbst wird damit zur Hauptbürde des Lebens. Sich selbst kennen zulernen ist zu einem (Selbst-)Zweck geworden und nicht länger ein Mittel, die Welt kennen zulernen. Doch gerade weil wir uns so tief in uns selbst verstrickt haben, fällt es uns schwer uns ein klares Bild über unsere Persönlichkeit zu machen.
„Wir halten die Gesellschaft nur in dem Maße für ‚bedeutungsvoll’, wenn wir sie in ein riesiges psychisches System verwandeln.“ Ein Politiker beispielsweise interessiert uns nur, wen wir seine persönliche Rolle im politischen Kampf wahrnehmen, wenn er also zuerst als Person, nicht als Politiker auffällt.
„Das übermäßige Interesse an Personen auf Kosten der gesellschaftlichen Beziehungen wirkt wie ein Filter, der unser rationales Gesellschaftsverständnis verfärbt.“ So entsteht der Glaube, Gemeinschaft sei das Produkt gegenseitiger Selbstentblößung.
„Paradoxerweise behindert gerade diese psychologische Einstellung die Entwicklung grundlegender Vermögen der Persönlichkeit, etwa des Respekts vor der Privatheit anderer oder eines Verständnis dafür, dass jede Person in gewissem Maße ein Horrorkabinett ist und dass daher zivilisierte Beziehungen zwischen Personen nur so weit gelingen, wie die hässlichen kleinen Geheimnisse des Begehrens, der Habgier, des Neids darin eingeschlossen bleiben.“
Der Aufstieg der modernen Psychologie und besonders der Psychoanalyse gründen in der Überzeugung, dass sich die Menschen, indem sie die Vorgänge im Selbst als solche und ohne transzendente Vorstellungen von Bosheit und Sünde begreifen lernen, von diesen Schrecken lösen und befreien können.
Diese psychologische Einstellung zum Leben hat weitreichende gesellschaftliche Konsequenzen. Daher nennt Sennett diese, die ‚intime Sichtweise der Gesellschaft’. Dies bedeutet, dass wir vor allem Wärme, Vertrauen und die Möglichkeit zu offenem Ausdruck der Gefühle in allen unseren Erfahrungsbereichen erwarten. Doch: Weil ein großer Teil des gesellschaftlichen Lebens diese Erwartungen nicht erfüllen kann, wird die objektive Welt für uns schal und leer.
Es gäbe eine ganze Menge noch dazu zu sagen, doch fehlt mir gerade Zeit und Kraft. Doch was denkt ihr dazu?
Naja man muss in sich gegangen sein um aus sich raus zu kommen.
Ich denke es ist doch ne Frage von unterschiedlichen Stationen im Leben und utnerschiedlichen Arten von Menschen. Anfang 20 hat man andere Sensibilitäten dafür, was angebracht ist, welche Gefühle man teilen will, als mit 40.
Aber ich frag mich, ob die These des Buches, wie ich sie verstehe, nicht eher einen falschen Gegensatz konstruiert. Die 68er waren beides: stark politisch und stark auf Selbstfindung angelegt.
Zu der Sache mit der Selbstentblößung. Das ist ja die alte Geschichte mit dem Feigenblättern im Paradies. Die Frage, dich ich mir grad stelle: inwieweit wird denn dieses Menschen-auf-Abstand-halten nicht in der chrstl. Gemeinschaft aufgehoben. Man gucke sich die alte Tradition des Sündenbekenntnisses an. Vielleicht ist Selbstentblößung ein Schritt raus aus dem konstruierten ich, zur Wahrheit des "Horrorkabinets" (das ja auch nur die halbe Wahrheit ist). Und vielleicht ist ein gewißes Maß an Verletzlichkeit -die natürlich immer auf die Angemeßenheit achten muss- wirklich die Basis von Gemeinscahft zu der wir aufgerufen sind.
Posted by: Arnachie | Nov 10, 2006 at 11:23
Hmm...scheint ganz auf der Linie dessen zu liegen, was ich manchmal als "Psychologisierung des Christentums" wahrnehme. Echte und gute christliche Gemeinschaft ist demnach vor allem seelisch intime Gemeinschaft. Bonhoeffer ist dagegen in "Gemeinsames Leben" ziemlich scharf, was das "seelische" Element in Gemeinschaft angeht.
Bin da noch nicht ganz aufn Trichter gekommen, weil es mir einerseits widerstrebt, alles durch die seelisch-psychologische Brille zu sehen (Jesus als irgendwo total ermutigender Seelsroger, ne) - auf der anderen Seite mit Themen wie "Echtheit", "Offenheit" auch "Tiefe" verbinde.
Interessant...
Posted by: Alex | Nov 10, 2006 at 13:15
Danke für die Kommentare. Nur ganz kurz soviel: Weder ist glaube ich Sennett, noch bin ich der Meinung, In-Sich-Gehen, Selbstoffenbahrung usw. sind per se problematisch oder gar schlecht. Jedoch gilt auch nicht das Gegenteil und das wird, besonders in sogenannten christlichen Kontexten, doch nicht selten irgendwie angenommen. Das ganze ist recht komplex...Bonhöffer ist zu diesem Punkt tatsächlich sehr spannend, Alex. Und zu den 68ern: Die sind für mich in diesem Punkt für mich nun tatsächlich kein Vorbild und letztlich ja auch ziemlich gescheitert...
Posted by: TobiK | Nov 10, 2006 at 19:54