Als ich neulich begonnen habe die Lutherserie zu beginnen, habe ich überhaupt nicht daran gedacht, dass ich ja dieses Wochenende in Wittenberg sein werde. Aus Wittenberg zurückgekehrt, gibt es nun den dritten Teil:
Gegen Ende seines Lebens hatte Luther einen heftigen Streit um das Abendmahl mit den Refomierten. Es ging bei diesem Streit um nichts anderes als die evangelische Einheit. Bei diesem Streit prallten zwei Verstehensformen der Bibel aufeinander. Zwingli und seine Leute konnten sich nur auf eine Abendmahlslehre einigen, die rational vorstellbar und logisch denkbar war.
Für Luther hingegen ist im Abendmahl, gerade weil wir damit Gott gedenken – Unvorstellbares gegeben und unfassliches zu denken. Daher setzt er seine ganze Denk- und Vorstellungskraft dafür ein, die Unvorstellbarkeit und Undenkbarkeit der göttlichen Gegenwart denkbar zu machen. Das ist natürlich ein Widerspruch, er kann das Undenkbare nicht Denkbar machen. Aber was er damit erreichen will, ist: Gott nicht in das Gehege rein rationaler, logischer Gedanken einzufangen. Luther sagt dazu: „Es ist auch nicht logisch zu denken, dass Gott von Himmel herabsteigt und sich in den Leib einer Mutter begibt. […] So müsste ich daraus schließen, dass Gott nicht Mensch geworden ist.“
Luther war der Meinung, dass man seine eigene rationale Verengung aufzuweiten, zu verändern, durchlässig zu machen hat, um uns der Wirklichkeit Gottes, wie sie uns durch die Bibel gezeigt wird, immer stärker annähern zu können.
Luther ist daher der Ansicht, die Schrift müsse sich selbst auslegen. Nur wenn wir uns der heiligen Schrift glaubend unterordnen, gewinnen wir die Maßstäbe, mit der wir die Bibel angemessen verstehen können. Indem man sich auf die Bibel einlässt, sich als Subjekt von ihr verwandeln lässt, entsteht ein Horizont des Verstehens. Und dieser sprengt jede Logik!
Uns geht es normalerweise andersherum. Wir sind gewohnt unser Verhältnis zur Bibel so zu sehen, dass wir diejenigen sind, die den Text deuten, auslegen und uns aneignen müssen. Damit behandeln wir die Bibel jedoch wie ein Objekt und unterliegen der Gefahr unsere engstirnige Vernunft in die Bibel hineinzutragen. Die Bibel ist jedoch nicht einfach ein Objekt, sondern durch sie hindurch möchte ein Subjekt, das Subjekt schlechthin zu uns sprechen, uns verwandeln. In Worten Luthers: die Schrift „wird nicht in den gewandelt, der sie studiert, sondern sie verwandelt den, der sie liebt, in sich und ihre Kräfte hinein.“
Der Text bleibt der gleiche, wir aber werden verändert. Zugespitzt gesagt: Nicht der Interpret legt die Schrift aus, sondern die Schrift legt den Interpreten aus. Das klingt für uns neuzeitliche Menschen sehr skandalös. Wir sind gewohnt uns nicht nur als die zu sehen, von denen das Handeln ausgeht, sondern auch als die, von denen die Erkenntnis ausgeht. Wir sind es, die erkennen. In der Bibel hingegen heißt es: 1. Kor. 8, 2+3: „Wenn jemand meint, er habe etwas erkannt, der hat noch nicht erkannt wie man erkennen soll. Wenn aber jemand Gott liebt, der ist von ihm erkannt.“ Nicht wir erkennen, sondern wir werden erkannt. Auch was das Erkennen, was unser geistiges Vermögen und unser Verhältnis zur Bibel betrifft, sind wir Bettler, sind wir die Empfangenden, die Unvermögenden.
Luther will daher auch bei dem Abendmahl beim einfachen Wortsinn bleiben. Wenn die Bibel ein Reden Gottes zu uns ist, dann sollten wir uns von deren Andersheit und Fremdheit ergreifen und verändern lassen kann. Das Subjekt muss sich wandeln, wenn es Widersprüchlichem oder Fremden im Objekt begegnet. Wir neuzeitliche Menschen neigen zu Umgekehrtem: Wir manipulieren das Objekt so lange, bis es sich unseren subjektiven Vorstellungen und Wünschen fügt.
Daher will Luther unser Vorstellungsvermögen überschreiten lernen. Deswegen versucht er das für uns Absurde, die Gegenwart Christi im Abendmahlsbrot real und nicht symbolisch zu denken. Denn: Luthers grundlegende Erfahrung war die, dass Gott alles durchdringt und in allem gegenwärtig ist.
Luther kann und will Gott nicht allein in einem jenseitigen, fernen Sein denken. Er kann und will sich keinen gottlosen, gottfreien Raum vorstellen. Das ganze Werden ist von Gott durchdrungen, überall stößt man auf ihn. Nur der in seinem Ichbewusstsein isolierte Mensch, in seiner inneren Entfremdung von Gott, vernimmt nichts von Gottes Gegenwart. So haben wir heute die Vorstellung von einer säkularisierten, eine von Gott befreiten Welt und meinen darin schalten und walten zu können. Aber unsere Welt ist nicht gottentleert, sondern nur virtuell in der Vorstellung der Menschen. Stark gesprochen: Diese Welt ist eine Fiktion des modernen Ichbewusstseins.
Gott durchdringt somit auch die Materie vom Größten bis zum Kleinsten. Allein das Wort Materie, und die dahinter steckende Idee, von etwas, was einfach in sich selbst existiert, ist im Grunde sehr unbiblisch. Im jüdischen Denken existiert beispielsweise kein Wort wie Materie oder Natur, das versucht etwas in sich existierendes zu denken. Vielmehr gibt es nur ein Wort wie Schöpfung, in dem die grundlegende Beziehung mit Gott schon immer von vorneherein mitgedacht ist.
Jedoch sieht Luther einen entscheidenden Unterschied: Den Unterschied wenn Gott da ist und wenn Gott Dir da ist. Dies ist ein großer Unterschied: wissen, dass ein Gott ist, und wissen, wer Gott ist. „Das erste weiß die Natur, und es ist in alle Herzen eingeschrieben, das zweite lehrt allein der heilige Geist.“ Gott kommt jedoch als der zur Welt, der immer schon in der Welt gegenwärtig ist, bei allen Kreaturen und in allen, - „tiefer, innerlicher, gegenwärtiger als die Kreatur sich selbst“.
Daher sagt er: „Nichts ist so klein, Gott ist noch kleiner. Nichts ist so groß, Gott ist noch größer. […] So klein ist die göttliche Majestät, dass sie in einem Körnlein, an einem Körnlein, über einem Körnlein, durch ein Körnlein, inwendig und auswendig, gegenwärtig und wesentlich ist, obwohl es nur eine einzige Majestät ist, dennoch ganz und gar in einem jeglichen Korn besonders, von denen es unzählbar viele gibt. Denn er macht ja ein jedes Körnlein besonders in allen Stücken, inwendig und allenthalben. So muss ja seine Gewalt dort allenthalben in und an dem Körnlein sein. Nun aber seine Gewalt eine einheitliche und einzige ist und sich nicht teilen kann, […] so muss die ganze göttliche Gewalt da sein in und an dem Körnlein allenthalben.“
Dies gilt dann natürlich auch für das aus Korn gemachte Brot im Abendmahl.
P.S. Viele der hier gebrachten Gedanken entstammen dem hervorragenden Buch von Georg Gremels ‚Ein Mensch namens Luther. Vom Geheimnis der Wandlung’


Dieser/s (?) P(p)ost darf nicht unbeantwortet bleiben, weil es einfach so gut ist.
Hast Du noch Informationen über Luthers Predigtlehre? Wäre interessant, wie er sich vorstellt, dass das Wort verkündet werden soll, wenn es als das, was in Frage stellt verkündet werden soll. Die Fremdheit und Andersheit muss da ja irgendwie erhalten bleiben oder sogar vermittelt werden. Oder soll die Fremdheit näher gebracht werden, indem man sie verständlich macht?
Posted by: benthepen | Jul 19, 2006 at 12:50
Good morning. If a free society cannot help the many who are poor, it cannot save the few who are rich.
I am from China and bad know English, give true I wrote the following sentence: "It is incredible to me the way these guys embellish the record to write a book to make a few bucks."
With best wishes 8), Syna.
Posted by: Syna | Jan 16, 2009 at 13:58