Christliche Spiritualität in der Postmoderne

Es ist nun schon ein paar Jährchen her, dass ich den letzten Blogpost verfassst dass ich mit Julian in Bremen mit 'Re-Imagine Church' eine Art lokalen Stammtisch initiiert habe und dort der Pastor einer gewissen Zellgemeinde auftauchte, der in einer Art Nebenbemerkung mir erzählte, er hätte in letzter Zeit so ein kleines Paper zum Thema 'Postmoderne und christliche Spiritualität verfasst, um seine Gedanken dazu zu ordnen. Da ich sofort hochinteressiert war, verblieben wir dann dabei, dass er mir das Paper per Email zusenden würde.
770082 Ich erwartete ein paar wenige Seiten in Stichworten und bekam ca. 80 vollkommen druckreife Seiten zugesandt, die sich trotz komplexer Thematik super lesen liesen und mich zudem inhaltlich schwer beeindruckten (ich berichtete). So versuchte ich ihn sofort dazu zu überreden, das 'Paper' als Manuskript einzureichen, da es meiner Meinung nach an genau einem solchen Buch im deutschsprachigen Bereich mangelte. Irgendwann tat er dies dann auch mit sofortigem Erfolg, jedoch nicht ohne vorher noch einen zweiten Teil - der es wie sich herausstellen sollte, inhaltlich noch viel stärker in sich hatte - zu ergänzen. 
Nun ist es gut drei(?) Jahre später, die Zellgemeinde auch meine Gemeinde und Jens ein guter Freund geworden, und - tata - das Buch ist endlich raus! Leider hat der Verlag sich äußert lange Zeit gelassen, doch was lange währt wird endlich gut. Es lohnt sich jedenfalls sehr und der gute Inhalt ist gut verpackt worden. Der erste Teil ist eine sehr gute Einführung in die Thematik von christlichem Glauben in der Postmoderne und für diejenigen, die (meinen) dieses Thema für sich schon durch zu haben, ist allein der zweite Teil das Geld wert. Hier gibt es das Inhaltsverzeichnis.

Religiöser Nonkonformismus und kulturelle Dynamik

Na, folgende Ausschreibung klingt doch mal spannend, da könnte z.B. ja jemand schön die Emergentbewegung untersuchen und dazu noch im schönen Leipzig wohnen:

Universität Leipzig, Leipzig
Bewerbungsschluss: 19.07.2009

Das Graduiertenkolleg „Religiöser Nonkonformismus und kulturelle
Dynamik“ vergibt ab dem 01.10.2009

5 Doktorandenstipendien für die Dauer von drei Jahren.

Das Kolleg führt Forschungen zu religiösem Nonkonformismus in
unterschiedlichen geografischen und zeitlichen Räumen zusammen. Die
zentrale Forschungsidee des Graduiertenkollegs geht davon aus, dass
religiöser Nonkonformismus ein wesentliches Element des religiösen
Feldes und eine potenzielle Ressource alternativer Optionen von
Sinndeutung, Wertsetzung und Lebensformen darstellt und damit ein
Element kultureller Spannung und Dynamik ist.

Das Projekt kreist um drei erkenntnisleitende Achsen:
(1) Die Spannung zwischen religiösem Nonkonformismus und Konformität,
d.h. den dominanten Formen (religiöser) Sinngebung und Lebensführung.
(2) Das innovative Potenzial und die transformative Dynamik von
religiösem Nonkonformismus.
(3) Die soziale Formation, interne Vernetzung und mediale Repräsentation
religiös nonkonformer Gruppen und Milieus.

Das Kolleg stellt die Untersuchung von religiösem Nonkonformismus in
einen interdisziplinären und komparativen Kontext. Die Forschungsfelder
umfassen Religionswissenschaft, Religionssoziologie, Afrikanistik, Altes
Testament/Altorientalistik, Arabistik/Islamwissenschaft,
Geschichtswissenschaft, Indologie, Judaistik, Kirchengeschichte,
Tibetologie und ostasiatische Religionsgeschichte.

Es werden Kandidaten aus dem In- und Ausland mit überdurchschnittlichem
Studienabschluss gesucht, deren Dissertationsprojekt religiösen
Nonkonformismus in einem der genannten Forschungsfelder behandelt.
Kollegsprachen sind Deutsch und Englisch. Bewerbern mit nicht
ausreichenden Deutschkenntnissen können bei Eignung des
Forschungsprojektes zudem Qualifizierungsstipendien für Sprachkurse (ab
01.01.2010) gewährt werden. Bewerber sollen in der Regel nicht älter als
28 Jahre sein (Erziehungszeiten, Wehr- und Zivildienstzeiten werden
angerechnet). Die Stipendiaten verpflichten sich, ihren Wohnsitz in
Leipzig zu nehmen.

Die Universität Leipzig hat sich zum Ziel gesetzt, den Frauenanteil zu
erhöhen und fordert deshalb ausdrücklich Frauen zur Bewerbung auf.
Schwerbehinderte Menschen werden bei gleicher Eignung bevorzugt.

Der Bewerbung in deutscher oder englischer Sprache sind folgende
Unterlagen beizufügen:
- Darstellung des Forschungsvorhabens auf max. 10 Seiten mit Zeitplan
- Lebenslauf, Zeugniskopien
- Arbeitsprobe (z.B. Abschlussarbeit)
- ein Gutachten eines Hochschullehrers
- ggf. Publikationsliste

Bitte senden Sie Ihre Unterlagen in elektronischer Form (pdf-Dokumente)
an:

nonkonformismus@uni-leipzig.de

Prof. Dr. Hubert Seiwert
Graduiertenkolleg Religiöser Nonkonformismus
Religionswissenschaftliches Institut
Schillerstraße 6
04109 Leipzig

Songs des Jahres

Hier ein paar meiner musikalischen Favourites 2008 (ohne Reihenfolge, nicht immer mit Originalvideo und auch nicht alle streng aus 2008):

MGMT - Kids:

The Wombats - Let´s Dance To Joy Division:

Friska Viljor - Shotgun Sister:


Portishead - The Rip:


The Notwist - Boneless:

Peter Licht - Alles was du siehst gehört dir:

Bonapate - Too Much:

Sons & Daughters - Johnny Cash:


Blood Red Shoes - It´s Getting Boring By The Sea:

Auf einige sehr spannende Artikel...

...wollte ich doch wenigstens kurz mal hinweisen. Einmal hat mein guter Freund Joa in der letzten Ausgabe der Dran unter dem Titel 'Weil es Gottes Traum ist' ein Plädoyer geschrieben, die soziale Dimension des Evangeliums (wieder) ernst zu nehmen.
Und dann ist noch in meiner Lieblingszeitung, der 'Bravo für Abiturienten' (Volker Pispers), ein toller Artikel erschienen. 'Ein Sieg über das Siegen' berichtet einführend davon, wie drei der wichtigsten Gegenwartsphilosophen - Alain Badiou, Giorgio Agamben und Slavoj Zizek - zentral an den Apostel Paulus anschließen und zeigen, dass dieser aktueller denn je ist.

Franz White - Mirror

Finanzkrisenstabhochsprünge...

Dieser Tage wundere ich mich immer wieder, was da gerade eigentlich los ist. Die Rede ist natürlich von der Banken-, Finanz- und nun vielleicht auch Wirtschaftskrise. Verwundert lese ich eine Hiobsbotschaft nach der nächsten, begleitet von der Einsicht, dass ich eigentlich überhaupt keine Ahnung habe, was da gerade geschieht und der Vermutung, dass dies nicht nur mir, vielleicht sogar allen so geht. Ich frage mich, ob nicht gerade eine Umwälzung unserer Welt in Gange oder am Hervorbrechen ist, die im Rückblick ebenso 'bedeutsam' erscheinen wird, wie das Ende des kalten Krieges.
Relativ sicher scheint mir, dass wir gerade inmitten einer massiven Verschiebung der weltweiten geopolitischen Machtverhältnisse stecken, in der vor allem die US-amerikanische Hegemonie (wenn man sie denn so nennen mag) an Vormachtstellung verliert und es immer stärker eine multipolare Machtverteilung geben wird. Bei aller Kritik an der US-Politik, ob dies mittelfristig gute Folgen haben wird, wird sich zeigen, ich persönlich bin da eher skeptisch. Andererseits ist zu hoffen, dass die sogenannten 'Entwicklungsländer' von dieser 'Entwicklung' profitieren, aber auch das ist nicht gesagt.

Doch zurück zur Finanzkrise: Neben der ungeheueren Komplexität des Geschehens an den Finanzmärkten sowie der grundsätzlichen Unvorhersagbarkeit scheint sich mir hier doch ein grundsätzlicher Mangel unseres Denkens zu zeigen, der es uns schwer macht, solche Situationen zu deuten: unser dingliches Denken.

So wird dieser Tage z.B. immer wieder berichtet, wieviel Billionen Dollar weltweit durch die Finanzkrise verloren geht. Dabei wird nicht nur nicht gesagt, wem dieses Geld verloren geht, vielmehr noch wird suggeriert, es gebe eine konstante Menge an Geld und Geld hätte seinen Wert in sich. Jedoch ist weder die Geldmenge konstant, noch hat eine Geldeinheit ihren Wert in sich. Geld ist ja ein Tauschmittel und daher etwas, das seinen Wert nur durch seine Bezüge, sein Verhältnis, sein Relationsgefüge erhält. Es geht also momentan kein Geld verloren (weil Geld nichts Dingliches ist, auch wenn wir von Geld als Münzen und Scheine denken und dies das nahelegt), sondern es verändert sich das Wert- und Machtgefüge des Geldmarktes und damit überhaupt des weltweiten Menschengeflechtes.
Damit ist nicht gesagt, dass das Geschehen unproblematisch ist. Nur ist das Problem ist nicht der Verlust einer Geldmenge, sondern der drohende Verlust einer das ganze System aufrechterhaltenden Dynamik (des Tausches), die negative Auswirkungen auf alle Beteiligte haben kann (wenn auch in ganz unterschiedlichem Ausmaß). Was wir bräuchten um dieses Geschehen besser zu verstehen, wäre eine relationales Denken, ein Denken in Beziehungen, das den Beziehungen und nicht den Entitäten einen ontologischen Primat zugesteht (sowie das ursprünglich auch die Trinitätstheologie lehrt). Mit anderen Worten: Die Beziehungen nicht als etwas nachträgliches, sondern als etwas vorgängiges denken, das 'Zwischen', den Relator, nicht die Relata als das Wesentliche und Primäre zu denken. Nur geht das mal so eben nicht einfach, falls überhaupt jemand versteht, was ich meine.

P.S.: Hat jemand in den letzten Tagen irgendwelche erhellenden Artikel gelesen, die das aktuelle Geschehen jenseits gängiger Verstehenslogiken (die so tun als sei doch klar und deutlich, was da gerade geschieht) erleuchten können? Für Hinweise bin ich dankbar...    

Linksverkehrhinweise

Hier einige Hinweise und Links, die ich schon längst weitergegeben haben wollte. Zuerst und am wichtigsten: Für alle von Euch, die am emergenten Dialog interessiert sind, eine herzliche Einladung zum Emergent Forum nach Erlangen. Alle weiteren Infos findet ihr hier: Emergent Forum 2008

Zwar komme ich in letzter Zeit kaum mehr dazu, hier etwas zu schreiben, dafür gab es in letzter Zeit von mir Output auf anderen Ebenen. So habe ich in den letzten Monaten zwei Mal in meiner Gemeinde gepredigt. Einmal über meinen Lieblingspropheten Jona (hier nachzuhören), ein andermal darüber wie unsere ultimative Hoffnung und die Hoffnung für diese Welt hier und jetzt zusammengehören (hier nachzuhören).

Peinlicherweise habe ich vergessen zu erwähnen, dass diese Predigt von N.T. Wrights letztem Werk 'Surprised by Hope. Rethinking Heaven, the Resurrection, and the Mission of the Church' mehr als stark inspiriert war. Was ich hier wenigstens mal nachholen möchte. Das Buch ist übrigens uneingeschränkt zu empfehlen.

Last but not least habe ich einen Artikel mit dem putzigen Titel 'Produktivkraft Kritik: Die Subsumtion der Subversion im neuen Kapitalismus' in dem Band 'Metamorphosen des Kapitalismus - und seiner Kritik' veröffentlicht. Wer hieran Interesse haben sollte, kann sich ja mal per Mail melden...

Hier eine paar Sätze zu dem Aufsatz: "Im folgenden Aufsatz werden die Schwierigkeiten und Aporien von Gesellschafts- und Kapitalismuskritik analysiert, die sich dadurch ergeben, dass Subversion und Subsumtion im neuen Kapitalismus nicht mehr klar voneinander unterschieden werden können und Kritik sich zur Produktivkraft gewandelt hat. Um dies in einem breiteren gesellschaftstheoretischen Rahmen zu analysieren, werden die Studie 'Der neue Geist des Kapitalismus' der französischen Soziologen Luc Boltanski und Ève Chiapello sowie 'gouvernementalitätstheoretische Studien' vergleichend diskutiert. Beide Ansätze werden sowohl auf deren Diagnose der aktuellen Situation der Kritik sowie der Transformationen im Kapitalismus, als auch nach den Möglichkeiten einer Erneuerung von Gesellschafts- und Kapitalismuskritik befragt.'  

Worte und Bilder

Meine blogeigene Rechtfertigungslehre besagt ja, dass ich mich niemals dafür rechtfertigen möchte hier nichts zu veröffentlichen. Da hier in letzter Zeit jedoch so wenig geschehen ist, dass ich nun schon vorsichtige Anfragen bekomme, ob es mir denn gut gehe, hier so viel: Es geht mir sehr gut, ich lebe und arbeite halt viel und vor kurzem habe ich mich in einem fernen Lande erholt. Dort gab es sehr viele schöne Dinge, aber auch - wie fast immer und überall, wenn man den Blick dafür hat - äußerst skurrile. Hier ein paar meiner Favoriten:


Mehr als eigenwillige Zusammenstellung in einem ansonsten hervorragend sortierten Buchladen:

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Sehr fantasievoll, die folgenden Hinweise:

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Der im Westen noch recht unbekannte 'Gott des Arsches' (ist verantwortlich für all die Dinge, die schief gehen):

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'Schnick-Schnack':

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Erinnert irgendwie an 'Monty Python':

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Auch die Natur setzt wohlbekannte Zeichen:

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Und nochmal 'Gewußt-wie':
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Ein Bild aus der für hier zu umfangreichen Bilderreihe 'Komische Dinge von ganz nah am Strand':

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EmergentCamp in Bremen

Hier etwas verspätet noch der Hinweis und die herzliche Einladung zum EmergentCamp in Bremen, das von der kleinen aber feinen EmergentNord-Arbeitsgruppe geplant wurde.

Die Spiritualität des Mobiltelefons...

Wie die neuen Kommunikationstechnologien uns und unsere Spiritualität formen, dieser Frage ging vor ein paar Wochen Shane Hipps in Mars Hill nach. Eine ungemein wichtige Frage und ein absoluter Hörtipp...

Wer sind wir heute? - Teil V: 'Christentum im Zeitalter der Interpretation'

Walter hat netterweise das Thema der Säkularisierung wieder aufgenommen, die bisher vorgestellten Thesen hervorragend zusammengefasst und einige spannende Fragen gestellt. Unter anderem vermutet er, „dass die Säkularisierung kein allgemeines Gesetz ist, sondern eine Frucht der besonderen Religion, die Europa geprägt hat: des Christentums“. Statt zu versuchen auf die vielfachen Fragen selbst zu antworten (da gäbe es gerade ZU viel zu sagen), will ich die Reihe mal fortsetzten, in dem ich eine Position vorstelle, die genau an dieser Hypothese anschließt (wenn auch auf ganz andere Weise wie Walter): die Position von Gianni Vattimo, eines bekannten italienischen Philosophen. Für ihn ist die Säkularisierung tatsächlich die konsequente Fortführung des christlichen Glaubens.

Auch Vattino versucht in seinem Aufsatz ‚Christentum in Zeitalter der Interpretation’ die geschichtliche Situation in der wir leben, sprechen und glauben zu verstehen. Wie der Titel schon sagt, ist seine These, dass wir im Zeitalter der Interpretation leben. Dies bedeutet: Unsere Zeit ist durchdrungen von der ‚Wahrheit der Hermeneutik’, die da lautet: Es gibt keine Tatsachen, sondern nur Interpretationen, da wir alles stets nur von einem bestimmten Vorverständnis aus verstehen können. Dies mag heutzutage fast wie eine Binsenweisheit klingen, doch Vattimo macht klar: „man [spricht] nicht ungestraft von Interpretation [.]. Die Interpretation ist wie ein Virus, das alles infiziert, womit es in Berührung kommt.“ 

Das mag fast wie eine – von Stimmen aus dem christlichen Lager nicht unbekannte – Relativistenschelte klingen, Vattimo zielt jedoch in eine ganz andere Richtung. Entscheidend ist nämlich – und das ist ein Punkt der in den ganzen Postmoderne-Debatten oft genug missverstanden wurde: Die ‚Wahrheit der Hermeneutik’ (kurz: 'Alles ist Interpretation') darf nicht als Tatsache, als objektive Aussage, als die eine richtige Beschreibung der Wirklichkeit, als endgültige Entschleierung des ‚wahren Wesens’ der Dinge missverstanden werden.

„Auch die Aussage, dass es nur Interpretationen gibt, ist ‚nur’ eine Interpretation.“ Und weiter: „Wenn man über diesen Sachverhalt ernsthaft nachzudenken beginnt, wird einem schlagartig klar, in welchem Maße die Hermeneutik die Philosophie und die Dinge selbst verändert hat.“ Denn: Wenn die Aussage ‚Alles ist Interpretation’ selbst ‚nur’ als eine Interpretation verstanden werden darf, d.h. als eine spezifische Deutung der Welt, dann stellt diese Deutung selbst eine Antwort auf eine ganz bestimmte geschichtliche Situation dar. Mit anderen Worten: Sie ist Teil einer Situation, der sie zu ent-sprechen sucht und in die wir unentrinnbar verwickelt sind.

Dies bedeutet: Die ‚Wahrheit der Hermeneutik’ ist die Erscheinung der geschichtlichen Existenz, wie sie sich heute zeigt. Dies ist von vielen mit verschiedenen Worten belegt worden: Nietzsche sprach vom ‚Nihilismus’, Heidegger vom ‚Ende der Metaphysik’, andere sprechen vom ‚Ende des Eurozentrismus’, von der ‚Auflösung der Bewußtseinsevidenz durch Psychoanalyse’, Lyotard vom ‚Ende der Metaerzählungen’, usw.

Was Lyotard und andere Theoretiker der Postmoderne jedoch nicht gesehen haben, ist, wie Vattimo meint, „dass Nietzsche und Heidegger aus dem Inneren der biblischen Interpretation heraus sprechen.“

„Tatsächlich ist es nicht so abwegig, wie es zunächst vielleicht klingen mag, den von Nietzsche angekündigten Tod Gottes mit dem Tod am Kreuz, von dem die Evangelien berichten, gleichzusetzen.“

Und damit sind wir beim Kern von Vattimos (für alle Seiten) provozierende These. Vattimo schreibt: „Die Beziehung, die die moderne Hermeneutik zur Geschichte des Christentums unterhält, ist also nicht nur, wie man immer angenommen hat, durch die wesentliche Nähe von hermeneutischer Interpretation und exegetischer Ausdeutung biblischer Texte bestimmt, sondern Hermeneutik – im radikalsten Sinne des Wortes, wie ihn Nietzsche und Heidegger verkörpern – ist nichts anderes als die konsequent entwickelte und zu ihrer Reife gebrachte christliche Botschaft.“ Anders gesagt behauptet Vattimo, „dass der post-moderne Nihilismus die aktuelle Wahrheit des Christentums darstellt“. Das ist natürlich eine steile These.

Vattimo nimmt an, dass die größte Herausforderung der christlichen Kirchen in der Moderne die Anmaßung der Wissenschaft war, die von sich behauptete, die einzige gültige Quelle der Wahrheit zu sein. In den Auseinandersetzungen und Kämpfen mit diesem Anspruch der Alleingültigkeit der Wissenschaft kam es dazu, dass die christlichen Kirchen sich selbst das objektivistische Wahrheitsverständnis der Kirche aneigneten, die Aussagen der Bibel als wissenschaftliche Aussagen behandelten und ein ‚Buchstabenverständnis’ entwickelte.
Damit machten die modernen christlichen Kirchen quasi das objektivistische Wahrheitsverständnis selbst zum Gott oder Götzen und es kam in vielen Fragen zum „Riss zwischen Wahrheit und caritas“.

 Der Ausweg aus diesem Widerspruch (der auch heute an vielen Stellen virulent ist, man denke nur an die aktuellen Diskussionen rund um das Christival) ist für Vattimo klar:

„Der einzige Weg, der der Kirche bleibt […] ihre universalistische Berufung voll zu entfalten, besteht darin, die Botschaft des Evangeliums als Prinzip der Auflösung jedweder objektivistischen Ansprüche zu verstehen. Es ist kein Skandal, wenn wir sagen, dass wir deswegen an das Evangelium glauben, weil wir wissen, dass Christus auferstanden ist, sondern dass wir glauben, dass Christus auferstanden ist, weil wir es im Evangelium gelesen haben. Eine Umkehrung dieser Art ist unabdingbar, wenn wir dem zerstörerischen Realismus und Objektivismus wie auch dem Autoritarismus, den diese im Gefolge haben, und der die Geschichte der Kirche lange Zeit geprägt hat, entkommen wollen.“

Anders: „Wenn es zwischen Christus und der Wahrheit zu wählen gelte, würde ich Christus wählen, heißt es einmal bei Dostojewski. Aber diese Alternative gibt es gar nicht, wenn wir alle Konsequenzen der Botschaft des Evangeliums berücksichtigen. Denn die Wahrheit, die uns Jesu zufolge frei machen wird, ist nicht die objektive Wahrheit der Wissenschaften, auch nicht die Wahrheit der Theologie, ebenso wenig wie es sich bei der Bibel um ein Buch über Kosmologie, ein Handbuch zur Anthropologie oder gar zur Theologie handelt. Die Offenbarung der Schrift ist nicht dazu da, uns darüber zu informieren, wie wir beschaffen sind, wie Gott beschaffen ist, worin die ‚Wesenheiten’ der Dinge oder die Gesetze der Geometrie bestehen – um uns auf diese Weise durch die ‚Erkenntnis’ der Wahrheit zu erlösen und zu erretten. Vielmehr besteht die einzige Wahrheit, die uns die Schrift offenbart,  in der Wahrheit der Liebe und der caritas, die keiner Entmythologisierung unterzogen werden kann, da es sich bei ihr nicht um eine logische oder metaphysische Aussage, sondern um einen praktischen Appell handelt.“

Und noch mal auf den Punkt: „Weil wir noch nicht nihilistisch genug sind, das heißt weil wir noch nicht christlich genug sind, setzen wir dem geschichtlichkulturellen Verständnis der biblischen Tradition immer noch die 'natürliche Wirklichkeit' entgegen, die angeblich unabhängig von jeglicher Überlieferung existiert und von der wir immer noch glauben, dass sie den 'Maßstab' auch für die biblische Wahrheit abgeben sollte.“

Soweit die sicherlich provozierenden Thesen von Vattimo. Bin gespannt wie die verehrte Leserin dazu denkt...

Das böse China, das heilige Tibet und das (fast) vergessene Simbabwe

Ehrlich gesagt keckst es mich ziemlich an, wie in den letzten Tagen und Wochen in den deutschen Medien ein völlig einseitiges, undifferenziertes Bild vom bösen China und von dem guten, fast schon heiligen und unterdrückten Tibet gezeichnet wird. Und wie fast alle dieses Bild in ihren subjektiven Meinungen nachzeichnen...Und auf welch selbstgerechte Art und Weise dies oft geschieht...Und das gleichzeitig Situationen in denen eine viel eindeutigere und viel größere Ungerechtigkeit vorliegt (Beispiel Simbabwe) viel weniger öffentliche Aufmerksamkeit und Empörung ernten. Der objektive, moralisch einwandfreie Blick des Westens - welch schöner Selbstbetrug!
Ein sehr differenzierten und kenntnisreichen Artikel eines Chinawissenschaftlers zur China-Tibet-Problematik gab es heute in der taz. Und ich bitte alle die zu dieser - mindestens als kompliziert einzustufenden - Problematik ihre Meinung äußern wollen, den Artikel zu lesen.

Endlich...

Endlich ist mir mal gelungen, was ich seit Monaten bis Jahren auf meiner To-Do-Liste stehen habe: die (wenigsten grobe) Überarbeitung dieses Blogs: Endlich die Emergent und RelevantBlogs-Banner integriert, ein neues Bild, eine kürzere Beschreibung des Blogs, kaum genutzte Kategorien gelöscht und die 'emerging church'-Kategorie in die viel passendere 'emerging conversation'-Kategorie geändert sowie veraltete Sidebars gelöscht. Endlich...

Lebenszeichen usw.

Endlich mal wieder ein richtiges Schlunzwochenende, zuletzt waren mal wieder bewegte Zeiten. Letztes Wochenende war 'Stranger Than Paradise'-Wochenende unseres Insaint-Kollektivs (Johannes und Arne berichteten), Montag bis Mittwoch ging die erste Uni-Woche so richtig los, samt meiner beiden Seminare ('Beobachtungsmethoden' und 'Lernen aus phänomenologischer Perspektive'), Donnerstag war dann der 1. Studientag Gesellschaftstransformation in Marburg, auf dem ich einen Workshop mit dem kurzen Titel 'Nachfolge als Lernprozess. Warum guter Wille kaum hilft. Transformatorische Aspekte einer ganzheitlichen Nachfolge.' gehalten habe. Blieb der Freitag für meine Doktorarbeit, sitze immer noch an dem Kapitel über Hirnforschung, das nun schon über 60 Seiten hat.
Natürlich hab ich dann gestern den grandiosen 5:1 Sieg gegen Schalke genossen. Seit ich die Bremer Mannschaft ein Stück ihres Weges begleiten konnte, geht es natürlich wieder aufwärts ;-) Denn letzten Freitag auf dem Weg zum Insaint-Wochenende trudelte plötzlich die gesamte Werderaner Mannschaft samt Schaaf und Allofs auf dem Bahnsteig ein und besetzte kollektiv das letzte Zugabteil. Wundere mich, ob es zu einem Pressetermin ging oder tatsächlich 2. Klasse DB nach Berlin, vielleicht war das ja eine Strafmassnahme. So, genug des Lebenszeichens - normalerweise erzähle ich ja gar nicht so viel privat.

Lasst uns Bankenkrise spielen...

Dieses schöne, kurze Video von Extra3, dass Helge mir netterweise zugesendet hat, ist wirklich sehr sehenswehrt:

Zu der Frage, ob der Staat die Banken retten sollte, gab es in der letzten Ausgabe der Zeit auch ein interessantes Pro und Contra. Ausnahmsweise bin ich mal mit Josef Joffe einer Meinung.

Heaven Is Not Our Home

Dachte dieser kurze Artikel von N.T.Wright würde auch einige von Euch vielleicht interessieren.

Die Qual der Wahl(religion) und andere Konfusionen...

Ach was für simple und doch herrliche Videos. Man spricht ja viel davon, dass jeder sich heute seine Religion selber auswählen muss. Doch wie sieht kann so etwas eigentlich aussehen, bitte schön:

Hier der zweite Teil (diesen auf keinen Fall verpassen):

Und dann noch zum Thema 'turn or burn':

Studiengang Gesellschaftstransformation

Ich hatte das letzte Jahr die Freude und Ehre an der Planung und Konzeption eines ganz besonderen Studienganges mitzuarbeiten: das Aufbauprogramm, das zum Master in Gesellschaftstransformation (Master in Transformation Studies (MTh)) führt. Dieser qualifiziert für Aufgaben in den Praxisfeldern zwischen Gemeinde, Mission und Gesellschaft und umfasst theologische, sozialwissenschaftliche und missionarisch-diakonische Elemente. Er wird vom Marburger Bibelseminar in Kooperation mit der staatlichen Universität von Südafrika (UNISA) und der Gesellschaft für Bildung und Forschung in Europa (GBFE) angeboten.

Der Studiengang ist international und in Deutschland anerkannt, umfasst sechs Semester und wird berufsbegleitend absolviert. Nähere Infos gibt es hier: www.gesellschaftstransformation.de

Der erste Jahrgang geht bereits diesen Herbst los und ich werde an einigen Modulen als auswärtiger Dozent beteiligt sein. Wäre nett, wenn ihr diejenigen, die der Studiengang vielleicht interessieren könnte, darauf aufmerksam macht.

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    "Doch keine Ruhe - ach, es wird sie nie geben! - auf dem Grund meines Herzens, diesem alten Brunnen am Ende des verkauften Landguts, Erinnerung an die mit Staub verschlossene Kindheit auf dem Dachboden eines fremden Hauses. Keine Ruhe - und ich verspüre, weh mir!, nicht einmal das Verlangen sie zu finden..."

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